Einstieg......Inhalt (kurze Version)......Inhalt (lange Version)......Joao Francisco dos Santos - Chronologie eines Lebens
Preise & Auszeichnungen......Cast......Crew......Pressestimmen......Karim Ainouz (Regisseur) - Biographie & Filmographie
Lazaro Ramos (Hauptdarsteller) - Biographie & Filmographie......Anmerkungen des Regisseurs
Interview mit dem Hauptdarsteller......Interview mit dem Regisseur



...Einstieg

Der angeklagte Joao Emtabaja da Silva,
ist den Behörden als gewalttätiger Mensch bekannt.

Er wohnt überwiegend in Lapa, ist ein Päderast mit rasierten Augenbrauen und femininen
Einstellungen, die sogar soweit gehen, dass er seine Stimme verändert.

Er ist nicht religiös.

Er ist Alkoholiker.

Er raucht und organisiert Glücksspiele.

Er hat kaum eine Erziehung genossen.

Er kann sich kaum verständlich ausdrücken.

Er spricht die Sprache des gemeinen Volkes.

Er ist nicht intelligent.

Er verkehrt in den gefährlichen Kreisen von Homosexuellen,
Prostituierten und anderen Halsabschneidern.
Er hat eine beträchtliche Summe an Geld, aber er hat kein geregeltes Einkommen.
Dieses Geld muss er sich auf kriminelle Art und Weise beschafft haben.

Er ist mehrfach vorbestraft.

Wird er in Gewahrsam genommen, ist er gewalttätig, unberechenbar und
attackiert die Hüter des Gesetzes.

Er ist von niederer Natur, in seiner Anlage kriminell und stellt deshalb
eine Gefährdung für die Gesellschaft dar.


12. Mai 1932, Rio de Janeiro, Hauptstadt von Brasilien, Polizeistation.



...Inhalt (kurze Version)

Kraftvoll und verletzlich. Gefeiert und gehasst. Umschwärmter Sänger.
Hingebungsvoller Vater. Zügelloser Verbrecher. Leidenschaftlicher Liebhaber.
Er war eine Legende. Er war Madame Sata.

Joao Francisco kam aus dem Nichts und war ein Niemand. Groß, schwarz, eine imposante Gestalt.
Die Menschen aus Lapa, jenes berühmte Künstlerviertel von Rio de Janeiro, sie mochten ihn,
seine Art des Tanzens, seine Begeisterung und sein unbedingter Wille nach Freiheit.
Und sie hassten Joao Francisco, den herrschsüchtigen Tyrann, der blind vor Wut, Ungerechtigkeit
und unerwiderter Liebe durch die Strassen zog.

„Ich bin als Außenseiter geboren und so will ich auch leben“, schreit er denen entgegen,
die ihm keinen Respekt zollen.

Sein Weg ist klar. Bald wird er ein gefeierter Star sein und sein Publikum finden.

„Madame Sata“ ist das bewegende Portrait einer explosiven und komplexen Persönlichkeit.
Mit eindrucksvollen Bildern schafft der Film unter der Regie von Karim Ainouz einen intimen Einblick
in das Leben des Joao Francisco dos Santos, der als „Madame Sata“ gefeiert wird und schon zu
Lebzeiten ein Mythos war. Ein Mann, dessen Drang nach Freiheit sein ganzes Leben beherrschte.
Teufel und Heiliger. Joao Francisco dos Santos und Madame Sata.



...Inhalt (lange Version)

Lapa, das Künstlerviertel von Rio de Janeiro im Jahr 1932.
Auf der Bühne des Kabaretts „LUX“ steht Vitoria dos Anjos, eine gefeierte Sängerin,
und singt Josephine Bakers berühmten Chanson „Nuit d´Alger“.
Das Publikum scheint paralysiert.
Hinter der Bühne, fasziniert, ihr Diener. Joao Francisco, eine Erscheinung von einem Mann,
groß, kräftig, schwarz. Lippensynchron bewegt er sich mit der Sängerin.
Er himmelt sie an. So wie sie, will er eines Tages auf der Bühne stehen und das Publikum für sich
gewinnen. Er trägt heimlich ihr Kleider, spielt mit ihrem kostbaren Schmuck und ahmt ihr europäisches
Auftreten nach. Ja, das ist sein Traum vom Leben. Einmal ein Star sein, das Publikum verführen in
eine andere Welt. Lasziv, erotisch, vereinnahmend.
Die Wirklichkeit sieht anders aus. Vitoria dos Anjos sieht in ihm nichts weiter als einen ganz
persönlichen Sklaven, der ihre Garderobe in Ordnung hält und ihr ständig zu Diensten ist.

Doch Joao Francisco ist eine ganz eigene Persönlichkeit. Nichts ist ihm verhasster als respektlos
behandelt zu werden. Es kommt zum Streit, Vitoria fühlt sich bedroht und Joao erlebt die Zeit im
Kabarett als Provokation. Er geht hinaus auf die Strassen von Rio, taucht ab in die Unterwelt der
zwielichtigen Gestalten, der Prostituierten und Gauner. Das ist seine Welt. Hier sind die
Menschen ehrlich und direkt.
Hier fällt er auf, ist eine Erscheinung, angesehen und gefürchtet zugleich.

Joao Francisco lebt mit Laurita, einer Gelegenheitsnutte, ihrer kleinen Tochter Firmina und
Taboo zusammen, einem Mann, der ihm bedingungslos vertraut und ausgeliefert ist.
Sie sind eine ungewöhnliche Familie, aber ihr Zusammenhalt bringt sie durch so manche schwierige
Situation und Joao fühlt sich als Patriarch dieses kleinen Mikrokosmos verantwortlich.
Er braucht sie, auch wenn er das nicht immer offen zeigen kann.

Die engen Gassen von Lapa und die Unterwelt von Rio de Janeiro sind Joao Franciscos
zweite Familie. Amador, der Besitzer der „Blue Danube“ Bar, wo Prostitution, Drogen und
Korruption herrschen, ist einer seiner engsten Freunde. Beide beherrschen das Viertel,
bestechen die Polizei und kontrollieren die Straße.

Eines Tages trifft Joao auf Renatinho, ein undurchsichtiger Mann in der „Blue Danube“.
Beide sind gleichzeitig fasziniert und abgestoßen voneinander. Jeder beherrscht den anderen auf
seine Art. Renatinho ist fasziniert von der Persönlichkeit, von diesem Capoeira-Kämpfer, der alle in der
Hand zu haben scheint. Joao wird magisch von Renatinho und seine ablehnende Art angezogen.
Ihre Liebe wird tragisch enden.

Joao Francisco hat aber auch Feinde. Eine falsche Anschuldigung wegen Diebstahls,
ein wutentbrannter und zügelloser Kampf mit der Polizei und er muss das erste Mal in
seinem Leben hinter Gitter. Insgesamt 27 Jahre seines Lebens wird er sich dort
wieder finden; auch hier im Gefängnis spielt er seine Macht aus.

Ein Traum aber bleibt. Der große Auftritt auf der Bühne. Die Feier zu Lauritas Geburtstag ist ein
willkommener Anlass. In der „Blue Danube“ wird eine Bühne aufgebaut und Joao wird für seine
Freunde singen. Er wird alle Rollen spielen, die er bei Vitoria dos Anjos gesehen hat.
Die Hure, die Verführerin, die Königin des Dschungels.
Der Abend wird ein voller Erfolg und mit einem Schlag ist Joao Francisco berühmt.
Mehr noch: Seine Figur der Madame Sata, eine Hommage an Cecil B. DeMilles´ Film „Madame Satan“,
wird Inbegriff einer faszinierenden Persönlichkeit.
Das Glück schien endlich auf seiner Seite zu sein, aber eine Verkettung von unglücklichen Umständen
eskaliert in der Ermordung eines Freiers. Für zehn Jahre muss Joao Francisco hinter Gitter.

Lapa, Karneval, 1942.

Joao Francisco kehrt zurück in seine Welt, nach Lapa. Auf dem Karneval wird er endgültig zum Star.
Er gewinnt einen Kostümwettbewerb und die Menschen haben ihn nicht vergessen.

Das ist seine Welt, der Glanz, die Macht im Mittelpunkt zu stehen.
Joao Francisco scheint wiedergeboren als neuer Mensch, der noch zu Lebzeiten zu einem Mythos wird:

Madame Sata.



...Joao Francisco dos Santos - Chronologie eines Lebens

1888
Die Sklaverei in Brasilien wird abgeschafft.

1890
Ende der Monarchie in Brasilien, Ausrufung der Republik der Vereinigten Staaten von Brasilien.

1900
Am 25. Februar wird Joao Francisco dos Santos in Gloria do Coita, einer kleinen Stadt in der
nordöstlichen Provinz von Brasilien geboren.

1907
Sein Vater wird ermordet.

1908
Seine Mutter, Firmina Teresa da Conceicao, vermietet ihn an einen Pferdehändler,
in dessen Besitz er übergeht.

1909
Joao Francisco flieht er nach Rio de Janeiro und arbeitet für die Prostituierte Dona Felicidade.
Gemeinsam ziehen sie nach Lapa, einem heruntergekommenen Wohnbezirk von Rio de Janeiro.

1913
Er verlässt Dona Felicidade und lebt auf der Straße.

1916
Seine erste erhaltene Gesangsaufnahme: „Pelo Telefone“

1918
Joao Francisco arbeitet als Kellner und Koch in verschiedenen Absteigen.

1929
Börsencrash an der Wall Street, New York

1930
Cecil B. DeMilles´ Film „Madame Satan“ wird uraufgeführt.

1932
In einem Theaterstück spielt Joao Francisco die Rolle des „Mulatto of Balacoche“.
Auf offener Strasse tötet er einen Mann und kommt für zehn Jahre ins Gefängnis.

1937
Die radikale Regierung beschließt weit reichende Maßnahmen zur Unterdrückung und Ausbeutung
der ärmeren Bevölkerung.

1939
Carmen Miranda verlässt Brasilien in Richtung USA.

1942
Gleich nach seiner Haftentlassung gewinnt Joao Francisco eine Auszeichnung für sein Kostüm,
das von dem Film „Madame Satan“ von Cecil B.
DeMille inspiriert wurde. Die Künstlerkreise von Rio de Janeiro kennen ihn
fortan unter dem Namen „Madame Sata“.

1943
Joao Francisco adoptiert das erste von insgesamt sieben Kindern.

1946
Joao Francisco zieht zusammen mit Maria Faissal dos Santos und heiratet sie.

1951
Ein kurzer Auftritt im Theater. Joao Francisco singt und tanzt als Carmen Miranda.

1954
Diktator Getulio Vargas begeht Selbstmord.

1955
Joao Francisco muss wegen Diebstahls ins Gefängnis. Sein letzter Aufenthalt als Gefangener,
nach insgesamt 27 Jahren seines Lebens in Haft.

1960
Brasilia wird Hauptstadt von Brasilien.

1964
Das Militär übernimmt für die nächsten 15 Jahre die Macht.

1965
Joao Francisco kommt aus dem Gefängnis frei.

1968
Neil Armstrong betritt den Mond.

1971
Ein ungewöhnliches Interview im brasilianischen Magazin „Pasquim“ macht Joao Francisco zu
einem Helden des Untergrunds.

1972
Die „Erinnerungen der Madame Sata“ werden veröffentlicht.

1976
Am 12. April stirbt Joao Francisco dos Santos an Lungenkrebs.



...Preise & Auszeichnungen

CHICAGO Filmfestival 2002
Gewinner „Bester Film – The Gold Hugo“

BIARRITZ 2002
Gewinner „Beste Regie“

FESTIVAL DE CINE IBERO AMERICANO DE HUELVA – 2002
Bester Spielfilm, Bestes Drehbuch Karim Aïnouz,
Beste Kamera - Walter Carvallho,
Bester Darsteller - Lázaro Ramos

HAVANNA Internationales Filmfestival
Gewinner „Best Art Direction“, Special Preis für Film-Erstlingswerk

SÃO PAULO INTERNATIONAL FILM FESTIVAL 2002
Gewinner „Bester Darsteller Lázaro Ramos“

HUELVA IBERO-AMERICAN Filmfestival
Gewinner „Bester Film“ und „Bester Darsteller – Lázaro Ramos“

CANNES Filmfestival 2002
„Un Certain Regard"

TORONTO Filmfestival
SUNDANCE Filmfestival
SAN FRANCISCO Filmfestival
MIAMI International Filmfestival
VERZAUBERT Filmfestival
Jerusalem Film Festival
Festival Internacional de Cinema da Figueira da Foz
Alexandria International Film Festival
Vancouver International Film Festival
Festival do Rio BRASILIEN
FilmFest Hamburg
Carthage Film Festival
Mostra Internacional de Cinema São Paulo
Stockholm International Film Festival
Cuenca International Film Festival.



...Cast

Lazaro Ramos
........Joao Francisco
Marcélia Cartaxo
........Laurita
Flavio Bauraqui
........Taboo
Felippe Marques
........Renatinho
Emiliano Queiroz
........Amador
Renata Sorrah
........Vitoria dos Anjos



...Crew

Buch und Regie:
Karim Ainouz

Ausführende Produzenten:
Isabel Diegues
Mauricio Andrade Ramos
Walter Salles

Produzenten:
Marc Beauchamps
Donald Ranvaud
Vincent Maraval
Juliette Renaud

Kamera:
Walter Carvalho

Produktionsdesign:
Marcos Pedroso

Schnitt:
Isabela Monteiro

Besetzung:
Luis Nogueira

Musik:
Marcos Suzano
Sacha Amback

Produktionsfirma:
VideoFilms

In Zusammenarbeit mit StudioCanal/ Wild Bunch, Lumière und Dominant7

Titel: Madame Sata
Herstellungsland: Brasilien
Herstellungsjahr: 2002
Länge: 105 Minuten
FSK 16
35mm, 1:85

Ab 28. Oktober 2004 im Kino

Ein Film im Verleih der

PRO-FUN MEDIA
FILMVERLEIH
(Frankfurt am Main), Deutschland.



...Pressestimmen – eine Auswahl

„Eine beängstigende und beklemmende Atmosphäre. Explosiv!“
San Francisco Bay Guardian

„Erotisch, direkt und gefährlich!“
San Francisco Chronicle

„Ein großes, ein heißblütiges Portrait! Ramos´ Darstellung brennt sich noch lang
in das Gedächtnis des Zuschauers ein!“
New York Times

„Ein intensives und wunderschön erzähltes Drama!“
Hollywood Reporter

„Die Kraft der Darstellung von Lazaro Ramos ist in jeder Szene unübersehbar!“
Village Voice



...Karim Ainouz (Regisseur) – Biographie

Karim Ainouz ist Regisseur und Drehbuchautor von „Madame Sata“.
1966 geboren, studierte er Architektur an der Universität von Brasilia und
Filmtheorie an der New York University.

Seine innovativen Dokumentationen und Kurzfilme wurden bisher auf über fünfzig Filmfestivals
vorgestellt, darunter Rotterdam, London, Vancouver und Oberhausen.
Ainouz erhielt für seine Kurzfilme einige Auszeichnungen (1994 in Atlanta, 1997 in Michigan) und
lobende Erwähnungen des New York State Council of the Arts und der Jerome Foundation for Arts.

Er ist durch ein Stipendium eng mit dem Media Arts Centre of Film Video, New York, und dem
Banff Centre for the Arts, Kanada, verbunden.

Seit 1991 arbeitet Ainouz mit berühmten Regisseuren wie Todd Haynes (Poison)
und Michael Mann (Der letzte Mohikaner) zusammen als Assistent Director und Filmeditor.

Als Drehbuchautor arbeitete er mit Walter Salles (Central Station) 2001 für
den Film „Behind the sun“ zusammen.

„Madame Sata“ ist sein erster abendfüllender Spielfilm.



...Karim Ainouz (Regisseuer) – Filmographie

2002
Madame Sata, Spielfilm, 35mm

2002
Rifa-me, Kurzfilm, 35mm

1996
Hic habitat felicitas, Kurzfilm, 35mm

1994
Paixao nacional, Kurzfilm, 16mm

1993
Seams, Dokumentarfilm, 16mm

1992
O preso, Kurzfilm, Video.



...Lazaro Ramos (Hauptdarsteller Joao Francisco dos Santos) – Biographie

Lazaro Ramos wurde 1978 in Salvador de Bahia, Brasilien, geboren.
Er studierte Tanz und Schauspiel und war über neun Jahre Mitglied der „Bando Olodum“,
einer Gruppe von schwarzen Schauspielern.

In 14 Theaterproduktionen spielte Lazaro Ramos zumeist tragende Rolle wie in Brechts
„Die Dreigroschenoper“, Shakespeares „Ein Mittsommernachtstraum“ oder Cervantes "Don Quichote“.
1999 übersiedelte er von Salvador nach Rio de Janeiro.
In „Madame Sata“ spielt er seine erste Hauptrolle in einem Film.



...Lazaro Ramos (Hauptdarsteller Joao Francisco dos Santos) – Filmographie:

2002
Madame Sata, Spielfilm, Karim Anouiz

O Homem do Ano, Spielfilm, Postproduction

O Homem que copiava, Spielfilm, Postproduction


2001
As tres Marias, Spielfilm (Panorama Berlin)



...Anmerkungen des Regisseurs Karim Ainouz

„Madame Sata“ ist ein bisher unentdeckter Mythos der brasilianischen Kultur, eine interessante
Verbindung zwischen Jean Genet, Josephine Baker und einem nennen wir es „tropischen“ Robin Hood.

Der Film handelt von den verschiedenen Persönlichkeiten, die Joao Franciso dos Santos in seiner Sicht
als Madame Sata vereint. Schon in seiner Kindheit und auch später, als er fast 27 Jahre hinter Gittern
zubringen musste, änderte er immer wieder seinen Namen und manchmal auch sein Aussehen,
denn er war nicht nur eine Person; er war viele Persönlichkeiten.

Mit diesem Verwandlungsdrang wollte ich spielen und so schuf ich einen Film, der sich weder episch
noch streng biografisch der Person der Madame Sata nähern wollte. Diesen Weg, den
Joao Francisco wählte, diesen Weg wollte ich gemeinsam mit ihm beschreiten.

Mein Film „Madame Sata“ ist auch eine Hommage an die „Republik“ von Lapa, jener Vorort von
Rio de Janeiro, der besonders in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts ein ganz
eigenes Gesicht und eine eigene Atmosphäre hatte. Außenseiter, Diebe, Prostituierte,
gestrandete Menschen, starke Persönlichkeiten. Sie alle lebten friedlich und respektvoll in dieser
ganz eigenen Welt, mit eigenen Regeln, Gesetzen und Ritualen.

Hier konnte sich Joao Francisco dos Santos als Madame Sata sicher fühlen.
Hier war er Hure und Königin, Heiliger und Teufel zugleich.
Hier wurde er zum Mythos von Brasilien.

„Madame Sata“ ist das Portrait eines Mannes, der besessenen war von seinem Enthusiasmus,
von seiner Lust auf Leben, eine schillernde Figur, der merkte, wie schwer es für ihn und seine Träume ist,
als Schwarzer, als Außenseiter und Homosexueller am Beginn des 20. Jahrhunderts.

„Madame Sata“ zeigt den unbedingten Willen eines Menschen, am Rande der Gesellschaft zu
überleben und trotzdem dabei seine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Betrachtet man sein
Leben wie durch ein Kaleidoskop, so erkennen wir Ruhm, Glamour, Gewalt, Tragik und Hoffnung.
Nur durch seine Fähigkeit, sich immer wieder in verschiedene Persönlichkeiten zu versetzen,
konnte Joao Francisco dos Santos in seinem Leben auch Momente von Glück,
Vertrauen und Leidenschaft erleben.



...Interview mit dem Hauptdarsteller Lazaro Ramos (Joao Francisco dos Santos)

Wie haben Sie sich dieser Figur der Madame Sata genähert?

Eigentlich war ich gar nicht für diese Rolle vorgesehen. Vor drei Jahren sagte mir ein befreundeter
Drehbuchautor, dass es Vorsprechtermine für diese Rolle gibt. Ich ging hin
... und hörte erst einmal lange nichts.
Zwei Jahre später nahm ich an einem zweiten Vorsprechen teil, dann ein Jahr später noch ein
drittes und langsam dachte ich nicht mehr daran, dass dieses Filmprojekt überhaupt entstehen
könnte. Dann endlich eine Reaktion. Ich sollte die Rolle des Taboo bekommen.
Aber Karim Ainouz fand, dass ich für diese Rolle körperlich zu stark war. Er fragte mich,
ob ich mich in der Hauptrolle wieder finden könnte.


Und wie haben Sie darauf reagiert?

Also erst einmal war ich unglaublich nervös und sagte Karim gleich, dass das ein total
verrücktes Unterfangen wäre. Ich hatte bis dahin noch nie eine Hauptrolle gespielt.
Gleichzeitig reizte mich diese Herausforderung und ich sicherte ihm meinen
vollen Einsatz zu. Ja, schließlich wollte ich in der Rolle mit Leib und Seele aufgehen.


Hatten Sie bis dahin schauspielerische Erfahrungen gemacht?

Ganz gering. Ich spielte ein, zwei kleinere Rollen, nichts aufregendes. Aber durch eine
gewisse Anzahl an eben diesen kleinen Rollen, konnte ich meinen Beruf aufgeben und mich
voll und ganz dem Theater widmen.


Haben Sie vorher schon von Madame Sata gehört?

Wenig bis gar nichts. Ich hatte von seiner Kraft gehört und das er als Schwindler in
Rio de Janeiro sein Unwesen trieb. Aber mit dem Angebot der Hauptrolle befasste
ich mich natürlich näher mit Joao Francisco dos Santos. Ich wollte seine Körperlichkeit voll
und ganz erreichen, nahm Capoeira-Stunden und sah mir Dokumentationen über ihn
und seine Zeit an. Aber ich wollte einen ganz eigenen Charakter schaffen und in
Zusammenarbeit mit Karim war mir schnell bewusst geworden, dass es sich um diese
geballte Emotionalität handelt, die in diesem Film ihren Ausdruck finden sollte.
Das verlangte auch, dass ich mich voll und ganz in diese
Rolle, in diesen Charakter hineinbegeben musste.


Wie schwer war das?

Am Anfang sehr schwer. Ich musste einerseits die Emotionen fließen lassen, andererseits
natürlich auf die wenn auch wenigen Vorgaben des Drehbuchs achten. Ich hatte Unterstützung
von meinen Schauspielcoach Luiz Henrique und natürlich von Karim, der exakt wusste,
was er in jeder Szene haben wollte. Laurita, Taboo und Joao Francisco sollten eine Familie
nicht nur darstellen, sondern sie auch ganz und gar verkörpern. „Ihr sollt euch nicht einfach
nur so kennen, ihr sollt euch lieben und vertrauen. Also, geht aus und redet miteinander!“
Eine unmissverständliche Order von Karim und am Ende der
Dreharbeiten waren wir tatsächlich eine Familie. Voll und ganz.


Madame Sata ist eine komplexe Person. Was war der schwierigste Aspekt in der Darstellung?

Ohne Zweifel war das die gewalttätige Seite. Von Natur aus bin ich ein ruhiger Mensch und so
war es schwer, einen Weg zu diesem Charakterzug zu finden. Aber Joao Francisco war ja in seiner
gewaltbereiten Art zugleich sehr fürsorglich und ein weicher Typ. Aber es war schon jeden Tag eine
neue Herausforderung in mir und der Rolle zu spüren. Denn sein Charakter wechselte von einer
Minute auf die andere, von einem Extrem ins andere. Dann musste ich auch noch singen;
das hatte ich zuvor niemals getan, zumindest nicht öffentlich.
Also diese Rolle verlangte schon sehr viel von mir.


Nach diesen Erfahrungen, den Dreharbeiten und schließlich dem fertigen Film:
Wie stehen sie jetzt zu Joao Francisco dos Santos?


Er ist ein Mensch gewesen, der sich aus vielen Personen zusammengesetzt hat. Sein Wille,
sich niemals respektlos behandeln zu lassen, half ihm oft, die Hürden des Lebens zu nehmen.
Seine Zeit war eine der schwierigsten Abschnitte für schwarze Menschen im ganzen Land.
Die Sklaverei war erst 12 Jahre abgeschafft, die Wirtschaft war schwach, die Menschen
misstrauten einander. Joao Francisco gehörte zu einer neuen, liberalen Generation, die es
dennoch schwer hatte, respektiert zu werden.
Als ich mir einen Dokumentarfilm über ihn anschaute, da saß er da und sah lieb und nett
und völlig friedlich aus. Er hätte eine meiner Tanten sein können, aber irgendwie
merkte ich, dass da noch was anderes in seinen Augen funkelte.



...Interview mit dem Regisseur Karim Ainouz

Warum haben sie gerade „Madame Sata“ als Hauptthema für Ihren ersten Spielfilm gewählt?

Was mich am meisten interessiert hat, war diese Ausgeschlossenheit aus der Gesellschaft.
Sein gesamtes Leben lang war Joao Francisco aus verschiedenen Gründen ein Außenseiter.
Das wusste er und er reagierte darauf immer wieder mit einer ganz persönlichen emotionalen
Eigenart. Mal wütend, gewalttätig, dann aber auch sehr kreativ oder einfach nur lakonisch.
Joao Francisco war ein Kämpfer, sich selbst dabei immer treu und niemals gab er auf.
Diese Kraft hat mich interessiert.


Wie entdeckten sie den Stoff zu „Madame Sata“ bzw. Joao Francisco?

In den achtziger Jahren gab es einen Punkclub in Sao Paulo, der diesen Namen trug.
Da war ich quasi Stammgast. Dann stieß ich auf eine kleine Novelle, Anfang der neunziger
Jahre, von Rogerio Durst. In ihr beschrieb er Madame Sata. Ich war fasziniert und wollte mehr
wissen. Schon damals hatte ich Joao Francisco als Filmfigur vor Augen. Ein Mix aus
Josephine Baker, Jean Genet und einem Robin Hood des Dschungels.
1994 bekam ich ein Stipendium der Hubert Bals Foundation und ich begann,
das Drehbuch zu entwickeln. Ich forschte in den nationalen Archiven, ich interviewte Personen,
die ihn kannten, die mit ihm in Lapa wohnten oder ihn aus dem Ilha Gefängnis kannten.
Ich fuhr in seine Geburtsstadt, in das Hinterland von Pernambuco und auf den Friedhof,
wo seine Mutter beerdigt ist. Auch die brasilianische Musik der zwanziger und dreißiger
Jahre inspirierten mich, brachte sie mir doch diese Zeit ein wenig näher. Und irgendwie
hatte ich das Gefühl, dass Nola Rosas Stück „Mulato Bamba“ nur für
Madame Sata komponiert wurde. Nach langen, teilweise sehr anstrengenden
Nachforschungen, kam ich zudem Schluss, dass ich es mit einem Mythos zutun hatte,
mit Joao Francisco, der sich ständig selbst neu erfand.


Madame Sata hatte ein bewegtes Leben. Insgesamt verbrachte er 27 Jahre in Haft.
Warum haben Sie in Ihrem Film den Schwerpunkt auf die dreißiger Jahre gelegt?


Weil genau in diesem Zeitraum zwei entscheidende Dinge passierten. Joao Francisco wurde
ein Star. Endlich konnte er auf der Bühne stehen und seine Leidenschaft ausleben.
Andererseits beging er ein wirklich schweres Verbrechen. Er ermordete einen Mann und
wanderte für zehn Jahre ins Gefängnis. Das alles lief parallel zu der Erschaffung
einer ambivalenten Person: Madame Sata. Madame steht für das feminine,
hingebungsvoll und verführerisch. Sata ist maskulin, zerstörerisch, bedingungslos.
Mir lag nicht daran, die Entstehung des Mythos zu erklären. Ich wollte diese Ambivalenz im
Charakter erklären und schließlich diese Intimität des Mannes, der gleichzeitig Joao und
Madame Sata war, erfassen.


Warum gerade dieser Schwerpunkt auf die innere Geographie eines Menschen?

„Madame Sata“ ist ein Charakterfilm. Es ist ein Film über die Persönlichkeit eines Menschen;
etwas anderes hätte er auch nicht in meinen Augen sein können. Generell interessiert mich in
einem Film die intime, die persönliche Darstellung eines Menschen. Das ist meiner Meinung nach
der beste Weg, sich einem Charakter zu nähern. Ich glaube nicht, dass Joao Francisco von sich
aus beschloss, ein Mythos zu werden.
Er hatte eine ganz realistische Vorstellung, sein Leben als Familienvater zu regeln und gleichzeitig
seine Träume zu verwirklichen. Deshalb glaube ich auch manchmal, dass der Filmtitel ein anderer
hätte sein können. Obwohl „Madame Sata“ ziemlich genau die zwei Seiten einer Person beschreibt,
ist es doch ein Film über ein ganz normales Leben zu einer bestimmten Zeit. In einem verfallenden
Haus in Lapa, waschen, bügeln und kochen die Menschen, kümmern sich um ihre Kinder und
führen ein alltägliches Leben. Doch man erkennt Strukturen. Jeder hat seinen Platz in der
Gesellschaft und jeder spielt eine ihm eigene Rolle darin, die durchaus vielfältig ist. Laurita ist
Mutter und Prostituierte, Joao ist Vater und Tyrann und Taboo ist ängstlich und mutig zugleich.
Irgendwie umgehen sie stereotypische Verhaltensweisen und das ist vielleicht
genau das, was sie am Leben erhält. Sie sind weder gut noch schlecht, keine
eindimensionalen Persönlichkeiten, aber dadurch dynamisch genug, um dieses
teilweise harte Leben zu meistern.


Wie genau haben sie sich an die Fakten gehalten? Wie eng sind „Madame Sata“ und
Joao Francisco in diesem biografischen Film miteinander verbunden worden?


Lange Zeit wusste ich nicht was ich machen sollte: Einen Dokumentarfilm oder einen
abendfüllenden Spielfilm? Ein Leben zu dokumentieren, wie jenes von Joao Francisco,
der sich immer wieder selbst neu erfand, konnte schwierig werden. Ein Dokumentarfilm konnte
dieses aufregende Leben nicht voll und ganz würdigen. Ein Spielfilm gewährte mir
da mehr Freiheiten, zumal ich nicht immer die Wirklichkeit erzählen wollte und musste,
sondern mehr die Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Charakters in den Vordergrund stellen konnte.


Arm, schwarz, homosexuell. Wie näherten sie sich Joao Francisco,
einem Mann mit drei prägenden Merkmalen?


Ich nahm ihm diese Stigmata. Im täglichen Leben war seine Homosexualität überhaupt kein Thema.
So sollte es auch nicht als innerer oder äußerer Konflikt dargestellt, ja überhaupt thematisiert werden.
Es war nur ein Teil, nicht aber das beherrschende Element seiner Persönlichkeit. Mir ging es hier um
die innere Realität, nicht darum, wie die Gesellschaft auf diese Eigenschaften von ihm reagiert.


Was ist dann der Fokus des Films? Wo liegt sein Mittelpunkt?

Jeder kann träumen, von einem besseren Leben, einem anderen Leben. Für Joao Francisco
war selbst das Träumen eine Unmöglichkeit, denn zu sehr hat ihn das Leben in Beschlag
genommen. Und dennoch gelingt es ihm seine Vorstellungen wahr zu machen. Jemand der
niemals frei war und sich doch befreien konnte. Ein Mensch, der schon als Kind wie ein Tier behandelt
wurde und später tatsächlich eine Familie gründen kann.
Eine unglaubliche Leistung, wie ich finde. Wenn andere es können, warum kann ich es dann nicht.
In diesem Zwiespalt hat er immer gelebt und sich befreien können. Er ließ sich nichts sagen,
schon gar nicht vorschreiben. Er schuf sich seine eigene Dimension, seine persönliche
Lebensvorstellung. Das war untypisch für seine Zeit.

Was ich besonders an Madame Sata mag sind diese kleinen Gegensätze, die er sein ganzes
Leben lang kreierte. Nannten sie ihn schwarz, spielte er den Schwulen. Nannten sie ihn schwul,
mimte er den unschuldigen armen Menschen. Er war immer wer anders, er erfand sich selber
immer wieder neu. So konnte er auf seine Art der Gesellschaft die Stirn bieten. Und er genoss
das Leben geradezu in vollen Zügen, was angesichts seiner sozialen Lage nicht wirklich
selbstverständlich war. Und er verlangte nicht viel von seinen Mitmenschen. Nur Respekt,
das war ihm wichtig. Freiheit, Lebensfreude, die Verwirklichung seiner Träume; das alles war
ihm wichtig, aber niemals so stark wie die Forderung nach Respekt. Denn er war ein
menschliches Wesen und wollte dementsprechend genauso behandelt werden. Daher rühren
vielleicht seine Anfälle von Gewalt. Er hasste es, als eine minderwertige Person dargestellt
oder behandelt zu werden. Und sowieso sah er sich niemals in der Opferrolle.
Das war nicht seine Einstellung zum Leben.


Was wollten sie auf alle Fälle umgehen, als sie Rio de Janeiros schillernde Figur
der dreißiger Jahre nachzeichnen wollten?


Zuerst einmal wollte ich niemals eine folkloristische oder stereotype Figur nachzeichnen.
Das war zu einfach gedacht. Ein biografischer Film, der sich exakt an die Fakten hielt, war mir zu linear,
zu geradlinig. Das war nicht Franciscos´ Leben. Ich wollte tiefer in die Persönlichkeit eintauchen;
dabei konnte ich nur einige Lebensdaten streifen, dafür aber länger in der Intimsphäre
von Madame Sata verweilen.


Sie haben niemals in Rio, der Stadt mit einer ganz eigenen Kultur gelebt.
War es schwer sich diesem Ort zu nähern?


Um die sog. brasilianische Kultur verstehen zu können, musste ich die Carioca-Kultur
begreifen lernen. Ich bin in Ceará geboren, meine Mutter stammte aus dieser Region und
mein Vater aus Algerien. Als ich 12 war, besuchte ich Rio und ich war begeistert. Ich merkte schnell,
dass diese Stadt geprägt war von ihrer Verbindung zur Welt, dem Hafen. In den dreißiger
Jahren kamen Migranten aus dem ganzen Land, aus Südamerika und der ganzen Welt in diese
Stadt. Da war es wichtig, eine Kultur zu bewahren mit einer ganz eigenen Sprache und
Lebensweise. Madame Sata ist Sinnbild dieses gesellschaftlichen Zustands;
er schuf für sich eine Vielzahl von Charakteren, die er darstellte, aber nie voll und ganz wahr.
Die Negerin von Bulacoché, Jamacy, die Königin des Waldes, Shark und die gefährliche Pussycat.
Selbst den amerikanischen Filmpionier Cecil B. DeMille, Josephine Baker und die chinesische
Mythologie nahm er in seiner Persönlichkeit auf. Aus dieser Collage der verschiedenen
Kulturen und Ländern baute er sich Leinen eigen Charakter zusammen,
zwar etwas „karnevalisiert“, aber dennoch sehr eigenständig.


Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet?

Ich war niemals in Lapa (Stadtteil von Rio de Janeiro), hatte aber schon die erste Fassung des
Drehbuchs geschrieben. Als ich in Rio ankam, merkte ich, dass ich es bin, der diesen Film drehen
musste. Mit Begeisterung und Eifer malte ich einen Stadtplan, suchte sein Haus und andere markante
Punkte seines Lebens. Das war alles ziemlich neu, hatte ich doch bis dahin nur Kurzfilme gedreht.
Knapp ein Jahr brauchte ich für das Casting und die allgemeinen Drehvorbereitungen.
Die tatsächlichen Dreharbeiten gestalteten sich durchaus schwierig, aber auch überraschend.
Ich hatte ein Storyboard verfasst, detailliert die Szenen beschrieben, denn ich wollte diese genannte
Intimität auf die Leinwand bringen. Sie sollten an den Strand gehen, miteinander sprechen,
sich streiten und wieder versöhnen. Und ich dachte ich hätte alles mit meinem Drehbuch unter Kontrolle!
Am ersten Tag vergaß ich es; trotzdem musste gedreht werden. Am zweiten Tag drehten wir genau
nach Plan und merkten, dass wir diese Szenen gar nicht benutzen konnten. Die Leichtigkeit, ja das
Intime an den Beziehungen fiel durch die Kontrolle des Drehbuchs weg.
Am dritten Tag folgten wir unserem Instinkt und das war für den Film am besten.


Der Film wurde überwiegend mit einer Handkamera gedreht!

Ja, der Film wurde größtenteils nicht im Studio gedreht. Und die Schauplätze erzählen ihre ganz
eigene Geschichte. Sie riechen, haben Leben und Geschichte in sich und genau das wollte ich
rüberbringen. So realistisch wie möglich. Ich überlegte mir in 16mm zu drehen. Der Kontrast
käme gut zur Darstellung, die Figuren könnten exakt nachgezeichnet werden. Aber der
Produktionsvertrag sah vor, dass ich auf 35mm drehen sollte. In der Nachbearbeitung stellten
wir sicher, dass der Eindruck, wir hätten auf 16mm gedreht, sich in den Bildern wieder findet.
Hoher Kontrast und somit keine Halbschatten und ich konnte mich mit der Handkamera frei
bewegen; das unterstrich auch die Charakterzeichnung der Hauptdarsteller.


Wie kamen sie auf Lázaro Ramos als Joao Francisco dos Santos?
Immerhin war es sein erster Spielfilm.


Es hieß alles oder nichts, denn in 99% der Szenen ist der Hauptdarsteller zu sehen.
Irgendwie wird dieser Film auch nur von ihm getragen. Lázaro war einer der ersten,
die bei mir vorsprachen. Er schien mir sehr intuitiv. Und dazu brauchte ich noch einen theatralisch
veranlagten und auch so agierenden Menschen. Das stand sich ja eigentlich gegenseitig im Weg.
Aber Lázaro ist sehr talentiert und visuell einfach stark präsent. Ich merkte schnell, dass auch er
erfindungsreich in seinen Darstellungsformen war - eine Grundvoraussetzung für Madame Sata.
Und Lázaro war sehr kooperativ. Er wollte die Rolle, stellte andere Projekte in den Hintergrund
und manchmal wusste ich es selber nicht: Spielt er jetzt Madame Sata oder ist es Lázaro,
der sich selbst darstellt?


Ein wichtiger Aspekt, wenn man es so nennen mag, ist der Körperkult von Joao Francisco.

Sein Körper ist seine Stärke und seine Besessenheit zugleich. Alles, was er erschafft ist eng mit
seinem Körper, seiner Stimme verbunden. Er versteckt ihn und präsentiert ihn zugleich.
Was ist denn das signifikante Zeichen schwarzer Kultur? Die Aura um einen Körper findet ma
in der Musik, im Tanz und in der sexuellen Begierde wieder. Wir versuchten in einer gewissen
Art und Weise, die Negativaufnahmen so zu entwickeln, dass die Textur des Körpers so signifikant
hervortrat, dass wir zeigen konnten, wie sehr der Körper den Charakter definiert. Stolz, stark,
traditionell und schwer zu bezwingen.


Der Film endet mit einem wahren Feuerwerk.
Joao Francisco wird gefeiert als Startänzer einer Karnevalgruppe.


Dieses Ende ist die exakte Darstellung, wie Francisco den Kostümwettbewerb 1942 der
Deer Hunters Carnival Group gewann. Nach zehn Jahren im Gefängnis ein toller Erfolg.
Bis dahin war es ein langer Weg. Joao Francisco tat schon einiges, um eine gewisse Aura um sich
herum zu schaffen. Aber die wahre Geschichte wurde von außen größer gestaltet als sie eigentlich
war. Er hat einen Menschen getötet, gestohlen, ging der Prostitution nach und war schließlich
27 Jahre seines Lebens im Gefängnis. Als Regisseur möchte ich nicht über andere Menschen
richten. Ich möchte lieber ihr Leben beleuchten. Joao Francisco fühlte sich niemals als Opfer;
er wusste, was er tat und liebte das Leben. Ständig entwickelte er sich weiter,
schuf sich selbst in verschiedene Rollen hinein. Nur so konnte er überleben.


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